Interview mit Martin Steinmeyer, CEO der Netfonds AG
Herr Steinmeyer, ein Provisionsverbot für die Anlageberatung gibt es vorerst nicht. Glauben Sie, dass ein Verbot tatsächlich vom Tisch ist?

Ich glaube daran, dass sich das Modell hin zu alternativen Vergütungsmodellen aus vielen Richtungen entwickelt. Neben der Regulierung wirken weitere Kräfte wie die Medienlandschaft, die Verbrauchern die Formel „günstig = gut“ vermittelt. Darüber hinaus entstehen neue Prozesseffizienzen und Leistungsangebote, die honoriert werden sollten. Betrachten wir die „open finance“-Initiative auf EU-Ebene, also die Bereitstellung der Daten von Vermögenswerten, ähnlich der PSD2 bei Zahlungsverkehrskonten. Hier wird einem klar, dass die typischen Provisionen für die Vermittlung und Betreuung eine untergeordnete Rolle spielen. Das alles sind Zeichen und Möglichkeiten, sich ernsthaft mit einem veränderten Vergütungsmodell vertraut zu machen. Diese Chance müssen wir nutzen.

Wie sehr hätte es Ihre Geschäftsmodelle – Pool und Haftungsdach – getroffen?

Wir sind glücklich und stolz, dass von ca. 180 Mio. Euro Umsatz rund 68% wiederkehrende Erträge sind. Davon ist schon mehr als die Hälfte keine Bestandsprovision. Mit unseren Partnern sind wir bereits seit vielen Jahren auf einem sehr guten soliden Kurs und arbeiten weiter daran, die Quote in unser aller Interesse zu erhöhen. Bei Servicegebühren, Vermögensverwaltung und Inkassofunktionen sind wir an vielen Stellen Marktführer und werden die Leistungsbausteine stetig erweitern.

Nun haben Sie sich bereits auf andere Vergütungsformen eingestellt, etwa Servicegebühren oder auch das sogenannte Fondsadvisory, das ohne Provisionen auskommt und bei dem der Fonds­berater eine Management-Fee bekommt. Sind das langfristig gangbare Modelle?

Ja. Genau das sind u. a. die Maßnahmen und Lösungsbausteine, die es jetzt braucht. Wir sehen die technische Funktion der 360-Grad-­Betrachtung und -Beratung. Diese sind eine wesentliche Grundlage, um eine Dienstleistung am Kunden zu ermöglichen, die wenig mit dem Produktverkauf zu tun hat. Diese Basis haben wir mit unserer hochmodernen finfire-Plattform gelegt.

Wie genau funktioniert Fondsadvisory?

Großvolumige Investmentberater haben die Möglichkeit, als externer Advisor einer unserer BaFin-­regulierten Institute Vermögensverwaltungsstrategien oder auch Investmentfonds aufzulegen. Als externer Advisor wird die Dienstleistung des Portfoliomanagements isoliert vergütet. Mehr als 200 „Strategiekapitäne“ nutzen die Möglichkeit, über unsere rein auf B2B-Dienstleistung ausgelegte Advisory-Lösung der NFS Hamburger Vermögen eine eigene Vermögensverwaltungsstrategie zu beraten. Ab 2 Mio. Euro geht es hier bereits los und das Volumen beträgt schon mehr als 2,5 Mrd. Euro. Alle dafür notwendigen Prozesse sind ein integrierter Bestandteil unserer finfire-Plattform. Für einen eigenen Investmentfonds sollte das Volumen größer sein. Wir haben ca. 100 Fondsprojekte für unsere Kunden realisiert, die ein Gesamtvolumen von rund 6 Mrd. Euro ausmachen. Hierzu sollte aber immer ein individuelles Gespräch mit unseren Profis erfolgen, um alle Blickwinkel zu bewerten. Wir setzen auf dauerhaft belastbare Lösungen im Interesse aller Beteiligten.

Tragen die Entwicklungen dazu bei, dass das Modell Haftungsdach Zulauf bekommt? Neben der Vergütung gibt es ja weitere Herausforderungen.

Unser Haftungsdach, die NFS Netfonds Financial Service GmbH, legt seinen Fokus auf eine hochqualifizierte Zielgruppe, die fast ausschließlich aus dem Private Banking oder Wealth-Management namhafter Banken stammt. Hier ist die Nutzung von Servicegebühren und Vermögensverwaltungslösungen bereits Praxis. Wir freuen uns über jeden qualifizierten Partner, der diesen Weg mit uns weiter ausbaut. Die große Nachfrage bei uns rührt aber weniger aus der Diskussion Provision vs. Servicegebühren, sondern aus der Motivation einer freiheitlichen und ganzheitlichen Beratung auf Basis einer modernen Plattformstruktur. Da sind Sie beim Marktführer gut aufgehoben.

Der Wettbewerb um Berater und Vermittler ist in vollem Gange, Abwerben gehört zum Geschäft. Wie entwickelt sich die Lage aus Ihrer Sicht?

Die Branche ist in Bewegung – das ist definitiv so. Wir haben nahezu keine Vermittlerabgänge, da wir einen guten Job machen und die Zukunftsthemen strategisch angehen. Wir kümmern uns um die digitalen und rechtlichen Herausforderungen und verstehen uns als verlässlicher Partner unserer Kunden. Unsere Denkweise entspricht der des „typisch deutschen Mittelstands“ und unser Planungshorizont sind nicht die nächsten zwei bis drei Jahre bis zum Exit. Das schafft Stabilität, Vertrauen und Entwicklung.

Wie läuft denn das Investment­geschäft aktuell?

Mit 22 Mrd. Euro Assets under Administration – über die eigenen Vereinbarungen – freuen wir uns über neue Höchststände. Im letzten Jahr hatten wir allein 1,3 Mrd. Euro Nettomittelzuflüsse. Das zeugt davon, dass wir mit unseren Partnern sehr gut aus eigener Stärke wachsen können. Wer sich in diesen Marktphasen um Aufklärung, Kurshalten und Lösungen kümmert, stabilisiert und entwickelt die Kundenvermögen. Das gelingt uns gut.

Welche Anlagen oder Anlage­modelle sind gerade besonders gefragt?

Der Zins ist zurück und damit auch die Nachfrage nach passenden Produkten. Das hat sich definitiv verändert. Im Kontext langfristiger und auf effektive Rendite ausgelegter Anlagestrategien spielen Aktieninvestments weiterhin eine große Rolle.

Wie viele Private-Equity-Firmen haben bei Ihnen als einem der umsatzstärksten Pools und größten bankenunabhängigen Haftungsdächer schon angeklopft?

Viele, und wir sind unserem Kurs als unabhängiger, transparenter Partner treu geblieben. Wir wollen einfach ein professioneller und langfristig berechenbarer Partner für unsere Kunden sein. Wer das ähnlich sieht, ist bei uns herzlich willkommen – auch als Aktionär!

Wie sehr verändert das Investorengeld den Markt?

Es verändert den Markt stark und macht ihn an vielen Stellen unberechenbar. Die Art und Weise des Umgangs miteinander hat sich verändert. Durch gezielte Käufe von IT-Dienstleistern wird Druck auf die bisherigen Kunden ausgeübt. Das ist neu. Wir sind sehr froh, dass wir frühzeitig den Trend erkannt haben. Mit unserer mehr als 70 Mann und Frau starken IT haben wir eine moderne Plattform entwickelt, die diese Abhängigkeiten erheblich reduziert. Ebenfalls ist zu bedenken, dass die Investoren nicht wenig Geld für die Zielinvestments aufgebracht haben. Das Geld von Private-Equity-Investoren muss sehr hohe Renditen abwerfen. Vor allem die hohe Fremdkapitalquote muss bedient werden – und die ist bekanntlich nicht günstiger geworden. So hat jeder seine Herausforderungen. Da gefällt mir unser Modell aktuell recht gut.

Und wohin steuert Netfonds?

Wir haben einen transparenten und langfristigen Kurs eingeschlagen, sind unabhängig und börsennotiert. Die Unternehmensstruktur ist damit ideal für unseren Markt. Wir haben uns 2018 getraut und entschieden, unsere gewachsene Systemlandschaft vollständig durch eine hochmoderne eigene Plattform zu ersetzen, und verfolgen einen 360-Grad-Ansatz. Dieser wird perspektivisch eine immer wichtigere Rolle spielen. Unser Kurs ist Zukunft und Wachstum – mit einer ehrlichen Definition von Partnerschaft. Das sind doch gute Argumente. Willkommen an Bord!

Dieses Interview lesen Sie auch in AssCompact 08/2023 und in unserem ePaper.

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Source: ImmoCompact